Vergleich
Was anders ist
Vier Eigenschaften, die E-Mail nicht nachträglich bekommen kann. Nicht weil niemand es versucht hätte, sondern weil sie an der Grundannahme hängen und nicht an der Umsetzung.
1. Die Tür ist zu, nicht offen
Bei E-Mail darf jeder jedem schreiben, und die Abwehr sitzt danach: Filter, Sperrlisten, Bewertungen. Bei mailv2 sitzt die Entscheidung davor — eine Adresse nimmt Post von Absendern an, denen du das erlaubt hast.
Der praktische Unterschied ist nicht „weniger Spam", sondern kein Ratespiel. Ein Filter irrt in beide Richtungen: Er lässt Werbung durch und sortiert die Bewerbungsantwort aus. Eine Erlaubnisliste irrt nicht — sie weiß nur nichts über Absender, die du nicht kennst, und die kommen eben nicht durch.
2. Massenversand hat einen Preis
E-Mail kennt keine Kostenbremse. Ein weiterer Empfänger kostet praktisch nichts, und was er kostet, trägt die Empfängerseite. Deshalb rechnet sich Streuung selbst bei einer Trefferquote nahe null.
Bei mailv2 zahlt der gewerbliche Absender pro Nachricht. Nicht viel, aber genug, damit sich Streuen nicht mehr von selbst rechnet.
Was das Geld ausdrücklich nicht kauft: Zustellung. Post zwischen Privatpersonen ist kostenlos und unbegrenzt, und keine Zahlung entscheidet darüber, ob eine Nachricht ankommt. Bezahlt wird die gewerbliche Nutzung als solche — näher an einem Gewerbeschein als an einem Vorzugsfach.
Diese Unterscheidung ist nicht nur Rhetorik. Es hat schon einen Anbieter gegeben, der Zustellung verkauft hat: Goodmail Systems, mit 40 Millionen Dollar Kapital und Verträgen mit AOL, Yahoo und Comcast — 2011 eingestellt. Die Kritik damals lautete: „Wenn du Geld hast, ist dein Spam kein Spam." Der Satz trifft, wenn Geld über Zustellung entscheidet. Genau deshalb tut es das hier nicht.
3. Der Inhalt gehört nicht dem Transportweg
Bei E-Mail liegt eine Nachricht auf jeder Zwischenstation offen. Verschlüsselt ist üblicherweise die Strecke zwischen zwei Servern, nicht die Nachricht — und ob überhaupt verschlüsselt wird, entscheidet die Gegenstelle.
Bei mailv2 wird beim Absender versiegelt und beim Empfänger geöffnet. Die Server dazwischen sehen Absender, Empfänger und Zeitpunkt — sonst könnten sie nicht zustellen —, aber nicht den Inhalt. Und was sie sehen, halten sie nur, bis die Zustellung bestätigt ist.
4. Eine Adresse lässt sich zurücknehmen
Wenn eine E-Mail-Adresse in falsche Hände gerät, bleibt dir das Wechseln der Adresse — und damit das Nachziehen bei allen, die sie kennen. Deshalb tut man es nicht und lebt stattdessen mit dem Zustand.
Bei mailv2 hängt jede Erlaubnis an einem eigenen Token. Wird eine Quelle zur Last, ziehst du diesen einen Token zurück. Die Adresse bleibt, alle anderen Kontakte bleiben. Das ist der Unterschied zwischen einer Tür mit einem Schlüssel und einer Tür mit vielen.
Was gleich bleibt
Damit kein falscher Eindruck entsteht — mailv2 übernimmt bewusst die Eigenschaften, die E-Mail langlebig gemacht haben:
- Offen dokumentiert. Kein Protokoll, das jemandem gehört.
- Föderiert. Viele Betreiber statt eines. Wer will, betreibt selbst.
- Asynchron. Eine Nachricht wartet, bis sie abgeholt wird. Niemand muss gleichzeitig online sein.
- Adressiert. Eine Zeichenfolge, die man aufschreiben, vorlesen und aufs Papier drucken kann.
Was mailv2 nicht ist: ein Messenger. Chat löst ein anderes Problem und löst es gut. Niemand bekommt seine Rechnung per Chat.
Und was mailv2 nicht kann
Keine Rechtsverbindlichkeit. DE-Mail und die italienische PEC hatten sie, mailv2 hat sie nicht. Für den Alltagsverkehr ist das die richtige Entscheidung — sie war bei DE-Mail der Grund für die Identifizierungspflicht, und die war der Grund für das Scheitern. Für behördlichen und anwaltlichen Verkehr ist mailv2 damit nicht gedacht.
Kein Ersatz für E-Mail von heute auf morgen. Ein Zustellnetz ist erst nützlich, wenn andere darin sind. Wie der Übergang aussehen soll, ohne dass am ersten Tag alles gleichzeitig da sein muss, ist die eigentliche Aufgabe — und sie ist nicht gelöst, sondern in Arbeit.