Die Idee
Die Idee
E-Mail ist nicht schlecht gebaut. Sie ist unter Bedingungen gebaut, die nicht mehr gelten — und die entscheidende davon lässt sich nicht nachträglich ändern.
Die Annahme von 1982
Als das Versandprotokoll entstand, kannten sich die Beteiligten. Ein sendender Rechner nannte eine Absenderadresse, und der empfangende glaubte sie. Dass jemand in fremdem Namen schreiben könnte, war keine praktische Sorge, sondern eine theoretische.
Dieselbe Annahme steckt in der Adressierung: Jeder darf jedem schreiben. Eine E-Mail-Adresse ist eine offene Tür. Das war richtig, solange die Tür in einem Forschungsnetz stand.
Warum das nicht reparierbar ist
Alles, was seither dazukam, musste anbaubar sein: freiwillig, rückwärtskompatibel, ohne Bruch für alle, die nicht mitmachen. Es gab niemanden, der eine Änderung hätte durchsetzen können, und Millionen bestehender Systeme, die weiter funktionieren mussten.
Deshalb stehen Absenderfreigaben im DNS und Signaturen in einer zusätzlichen Kopfzeile. Deshalb gibt es drei Verfahren statt eines, deshalb braucht es ein viertes, damit eine Weiterleitung sie nicht bricht. Jede dieser Erweiterungen ist gut gemacht. Keine davon ändert etwas an der offenen Tür.
Die Kernbeobachtung: Versenden kostet nichts, und was es kostet, trägt der Empfänger. Bei jedem älteren Kommunikationsweg zahlt der Absender — Porto, Gebühren, Anzeigenfläche. Diese Kosten begrenzen unerwünschte Ansprache wirksamer als jedes Verbot.
Was Verschlüsselung nicht löst
Verschlüsselte Postfächer sind eine echte Verbesserung, und es gibt gute Anbieter. Sie lösen Vertraulichkeit. Sie lösen nicht, dass jeder Fremde schreiben darf, dass Versand nichts kostet und dass über die Zustellung eine undurchsichtige Bewertung entscheidet. Ein verschlüsseltes Postfach bekommt genauso Spam wie jedes andere.
Der Unterschied in einem Satz: Ein anderer Anbieter gibt dir einen besseren Briefkasten. mailv2 ist ein anderes Postsystem.
Die Umkehrung
mailv2 dreht die Grundannahme:
- Eine Adresse ist zu, bis du sie öffnest. Post kommt an von Absendern, denen du das erlaubt hast — über einen Token, den du weitergibst, oder weil du ihnen selbst geschrieben hast.
- Gewerblicher Massenversand kostet Geld. Nicht als Einnahmequelle, sondern als Bremse. Post zwischen Privatpersonen bleibt kostenlos und unbegrenzt.
- Ein privates Postfach kostet nichts und verlangt keinen Nachweis. Keine Ausweisprüfung, kein PostIdent, keine Gebühr.
Warum der letzte Punkt der wichtigste ist
Es gab schon Anläufe für rechtssichere, verlässliche elektronische Post. In Deutschland DE-Mail und den E-Postbrief. Beide sind gescheitert, und die Gründe sind bekannt: umständliche Identifizierung, Gebühren, zu wenige Teilnehmer auf beiden Seiten.
Eine Zahl aus dieser Geschichte ist die lehrreichste: Der E-Postbrief hatte über eine Million Registrierungen und rund hunderttausend aktive Nutzer. Neun von zehn haben sich angemeldet und den Dienst nie benutzt — weil es niemanden gab, dem sie schreiben konnten.
Wer das ernst nimmt, kommt zu dem Schluss, dass die Eintrittshürde bei null liegen muss. Nicht niedrig: null.